Ein Stadtteil, der zu groß gedacht war

Ein Wohngebiet, ein schlechter Ruf und eine unscheinbare Stirnwand: Der Beitrag folgt den Spuren eines Stadtteils in Stade und zeigt, wie nicht verwirklichte Planungen bis heute im Stadtraum sichtbar bleiben.

Ein Stadtteil, der zu groß gedacht war
Eine Häuserzeile bricht ab – und legt frei, was nie gebaut wurde.

Das Altländer Viertel in Stade ist ein Wohngebiet mit einem negativen Ruf. Diese Wahrnehmung resultiert weniger auf Basis objektiver Kriminalitätsstatistiken, sondern vielmehr aus einer über Jahren hinweg gewachsener Meinung der Öffentlichkeit, die sich auf auf politischen Zuschreibungen, medialen Bildern und einer hochgradig subjektiv »gefühlten Unsicherheit« stützt. (Carstens 2017) In den Jahren meiner Kindheit von 1989 bis 1993, die wir dort lebten, war die Wahrnehmung eine völlig andere: Im Alter von drei bis sieben Jahren habe ich die Zeit als ein Gefühl von Weite und Freiheit in Erinnerung. Was heutzutage aufgrund der Sicherheitsbedenken unmöglich wäre, war für meinen Bruder und mich gelebte Realität; wir spielten entweder auf einem der vielen Spielplätze bis zum Einbruch der Dunkelheit draußen ohne Begleitung unserer Eltern oder wir profitierten von einem vielfältigen Freizeitangebot des Gemeindehauses (wie etwa dem Kindertreff, Kindergottesdienst oder Stadtteilfesten) oder dem sogenannten »Bauspielplatz«, auf dem wir uns regelrecht austoben konnten. Der Stadtteil war großzügig angelegt und war geprägt von weiten Grünanlagen und zahlreichen Spielplätzen. Das Altländer Viertel war ein in sich geschlossenes Konzept, in dem wir uns frei umherbewegen konnten.

Dabei fiel mir in meinen Streifzügen ein unscheinbares Merkmal auf, das den meisten eventuell entgangen sein dürfte: Am Ende der Mittelnkirchener Straße, der Hausnummer 13, war die Stirnwand nicht wie üblich mit einer Ziegelwand abgeschlossen, sondern mit hellen Schindeln abgedichtet, ganz so, als hätte man ein Messer genommen und ein Stück von dem Haus abgeschnitten. Die Häusernummerierung der alten »Breslauer Straße« war unvollständig: Sie endete (in meinem Gedächtnis behaftet) irgendwo bei 40 und setzt bei 67 wieder an. Zahlreiche Häuser fehlten in dieser Sequenz. Mehr noch: Die Häuser der Mittelnkirchner Straße 1 bis 13 umrahmen die grüne Fläche davor, doch diese Umarmung bricht mit dem Haus der Nummer 13 abrupt ab – dabei hätte sie locker bis zur Gründeicher Straße 44 aufschließen können. Der Gedanke ließ mich nicht los und es stellten sich mir die folgenden Fragen: Warum endete das Gebäude so? Warum fühlt es sich so unfertig an?

Eine große, flache Rasenfläche liegt im Vordergrund, rechts steht ein roter Hydrant am Rand eines gepflasterten Weges. Im Hintergrund sind mehrere mehrstöckige Wohngebäude aus rotem Backstein sowie Bäume und Sträucher zu sehen.
Blick auf die Stirnseite des Hauses. (Apple)

Um diese Fragen beantworten zu können, müssen wir historisch weit vor der Grundsteinlegung ansetzen. Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges setzte eine Flüchtlingswelle ein, von der auch Stade betroffen war. Zählte die Stadt noch 1933 14.842 Einwohner, stieg die Zahl bis 1946 auf 25.974 Einwohner (Lohmann 1992, S. 432) – an dieser Stelle würde man eine beinahe Verdopplung der Einwohnerzahlen in Kriegszeiten kaum erwarten. Doch diese Mehrung war das Ergebnis von Vertriebenen ehemaliger Reichsgebiete, die in Stade eine neue Heimat fanden. Die Folge war eine große Wohnungsnot, die sich in Stade an mehreren behelfsmäßig bewohnte Kleingartenanlagen festmachte, u. a. auf dem Gebiet der heutigen Berufsschule in der Glücksstädter Straße und unweit vom Autobahnende der heutigen Autobahn 26. Hier lebten die Bewohner unter prekären Bedingungen.

Eine Wende sollte ausgerechnet der Bau des Atomkraftwerk Stades darstellen: Geplant 1967, wurde der Atommeiler 1972 in Betrieb genommen und führte zu einem Wirtschaftsaufschwung in der Region, da sich mehrere Industrien wie die DOW Chemical, Aluminium Oxid Stade und VAW ansiedelten (Strüning 2022). Die Stadtplaner von Stade rechneten deswegen mit einem Anstieg auf bis zu 90.000 Einwohner, weshalb es der Stadt gelang, das Gewerkschaftsunternehmen »Neue Heimat« davon zu überzeugen, im östlichen Teil der Stadt, unweit der Altländer Straße, einen neuen Stadtteil zu errichten (Koch 2010). Diese »Neue Heimat« war ein gewerkschaftseigenes und gemeinnütziges Wohnungsbauunternehmen des Deutschen Gewerkschaftsbundes, das sich nach 1950 zum größten nichtsstaatlichen Wohnungsbaukonzern der Bundesrepublik entwickelte. Ihr Leitbild war sozialdemokratisch geprägt: Durch industriellen Wohnungsbau, funktionaler Stadtplanung und integrierter Infrastruktur sollten bezahlbare Wohnungen und zugleich neue, sozial geordnete Stadtteile für breite Bevölkerungsschichten entstehen. (Lepik und Strobl 2015, S. 6–13)

Mit diesen konzeptionelle Leitlinien wurde das Altländer Viertel geplant. Verfolgt man die Bebauungspläne, lassen sich Rückschlüsse auf die Planung ziehen. Für das entsprechende Gebiet mit dem fraglichen Gebäude kommt der Bebauungsplan 256 in Frage (Landkreis Stade, Bebauungsplan Nr. 256/2), der das Gebäude in dieser Form nicht vorsieht:

Kartenausschnitt eines Bebauungsplans mit farbigen Linien und Markierungen; gut lesbarer Text: „Ersetzt durch Beb. Pl. Nr. 256/2“ (rot, mittig hervorgehoben) sowie unten erneut „Ersetzt durch Beb. Pl. 256/4“ (magenta). Weitere lesbare Beschriftungen sind „WR“, „GRZ 0,3 GFZ 1,0“, „GRZ 0,3 GFZ 0,9“, „GRZ 0,4 GFZ 1,0“ und „SO LADEN I“.
Die hellgrüne Markierung deutet an, an welcher Stelle das Gebäude der Mittelnkirchener Straße 13 heute steht (Landkreis Stade, Bebauungsplan Nr. 256/2).

Aus dem Plan gehen mehrere interessante Überlegungen hervor: Auf dem Gebiet, das bis heute eine weite Wiesenfläche ist, hätte ursprünglich mit einem weiteren Wohnkomplex bebaut werden sollen – die römischen Zahlen verraten hier die Geschosshöhe, die bei diesem Komplex auf drei Geschosse definiert ist. Auch interessant: Südlich der Siedlung war ein Ladengeschäft vorgesehen, das so final nicht realisiert wurde.

Diese Änderungen wurden auf dem Bebauungsplan 256/2a dokumentiert, aus dem man selbst vieles herauslesen kann. Dieses Gebiet war als reines und allgemeines Wohngebiet vorgesehen, das nun in vier- bis achtgeschossiger Bauweise realisiert werden sollte. Eine Verdichtung der Wohnraumkapazitäten war bewusst gewollt, da in dieser Fassung 206 Wohnungen mehr erstellt werden. Sogar ein drei- bis viergeschossiges Garagenhaus war vorgesehen, was eine bewusste Abkehr von einer aufgelockerten Bebauung mit vielen oberirdischen Parkplätzen bedeutete. Die eingezeichneten Flächen befanden sich bereits im Eigentum der Wohnungsbaugesellschaft, es gab keine bodenordnerischen Hindernisse mehr und die Erschließungskosten waren durchgerechnet und politisch akzeptiert – kurzum: Das hätte alles so gebaut werden sollen, ohne Wenn und Aber. (Landkreis Stade, Bebauungsplan Nr. 256/2a)

Farbig dargestellter Bebauungsplan mit rot schraffierten Bauflächen, gelben Straßen, grünen Grünflächen und schwarzen gestrichelten Grenzen; lesbarer Text: „Ersetzt durch B-Plan Nr. 256/2 d. 3. Änd.“, „Ersetzt durch B-Plan Nr. ALV II“, „WA VIII 0,2 (10)“, „WA IV–VI 0,3 (12)“, „WR IV–VI 0,3 (10)“, „WR IV 0,3 (10)“, „WR VII–X 0,2 (12)“, „GARAGENHAUS WR III–IV (35)“, „GSt“, „Mit Geh-, Fahr- und Leit.“. Links ist ein Bereich grün markiert eingerahmt, der einen schmalen Streifen zwischen zwei Bauflächen zeigt.
Dieser Bebauungsplan deckt sich nun mit der heutigen Fassung. Ferner zeigt der grün eingekreiste Bereich die Mittelnkirchener Straße 13, woraus sich schließen lässt, dass nördlich des Gebäudes der Komplex weiterverlaufen sollte. Auch das geplante Garagenhaus ist gut sichtbar. (Landkreis Stade, Bebauungsplan Nr. 256/2a)

Der Bebauungsplan macht deutlich, dass der gesamte Komplex mit geplanten 350 Wohneinheiten weitaus größer angelegt war, als er heute ist. Der Bebauungsplan Nr. 256/2a zeigt aber auch, dass es zu einer Änderung kam, die man in einem separat aufgeführten Plan mit dem Bauplan »Nr. 256/2a 3. Änderung« einsehen kann. Wir lesen dort:

»Der Bebauungsplan Nr. 256/2 a setzt […] 350 Wohneinheiten fest. Davon sind 220 WE gebaut. Mit einer weiteren Bebauuung ist in diesem Bereich nicht mehr zu rechnen.« (Landkreis Stade, Bebauungsplan Nr. 256/2a, 3. Änderung)

Bevor diese Änderungen beschlossen wurden, waren noch 130 Wohneinheiten offen und sollten nördlich der Mittelnkirchener Straße 13 realisiert werden. Dafür wurden eigens Fuhrpark-Gebäude der Stadt abgerissen und das Gelände planiert und eingeebnet, das nun ungenutzt war. Mit dieser Änderung kam es 1984 zum Baustopp und 1984/85 zu einer formalen Umplanung des Gebietes, die das Wohnbaurecht aktiv aufhob und neue Ziele setzte: Es sollten Kleingärten angelegt werden. (Landkreis Stade, Bebauungsplan Nr. 256/2a, 3. Änderung)

Die dritte Änderung des Bebauungsplanes Nr. 256/2a mit seiner 3. Änderung zeigt, wie der Wohnkomplex nördlich der Mittelnkirchener Straße 13 verworfen und stattdessen eine Kleingartenanlage vorsieht. Diese Änderungen wurden 1984/85 beschlossen. (Landkreis Stade, Bebauungsplan Nr. 256/2a, 3. Änderung)

Warum wurden diese Änderungen vorgenommen? Darüber schweigen die Bebauungspläne. Doch sie fallen mit einem Skandal zusammen, der sich 1982 ereignete: Der Spiegel veröffentlicht eine Recherche mit dem Titel »Die dunklen Geschäfte von Vietor und Genossen«, die eine systematische Selbstbereicherung führender Manager der »Neuen Heimat« offenlegte. Sie schildert Geschäfte über Strohmänner und millionenschwere Aufträge u. a. im Bereich Heizwärme und Grundstücke an Firmen, die den eigenen Vorständen der »Neuen Heimat« gehörten. Diese systematische Korruption führte dazu, dass umgehend der gesamte Vorstand entweder entlassen oder beurlaubt, in allen Fällen aber politisch fallengelassen wurde, womit der Konzern einerseits die politische Rückendeckung, aber auch die öffentliche Legitimation sowie das Vertrauen von Banken und Fördergebern verlor. (Rosbach 2007) Für das Altländer Viertel fällt dieser Einschnitt genau in die Phase, in der die noch offenen Bauabschnitte nicht mehr realisiert wurden; die Stadt Stade hat diesen Zustand 1984 zwar planerisch nachvollzogen, aber nennt keine konkreten Ursachen.

Was bleibt, ist keine Anklage und kein nostalgischer Rückblick, sondern das Sichtbarmachen einer Bruchstelle: Das Altländer Viertel erzählt nicht nur von seinem sozialen Wohnungsbau, Stadtplanung und politischen Fehlannahmen, sondern auch von nicht gebauten Häusern, von abgebrochenen Zukunftsentwürfen und von Spuren, die sich bis heute in der gebauten Umwelt festgeschrieben haben. die schindelverkleidete Stirnwand an der Mittelnkirchener Straße ist somit weniger ein baulicher Makel als vielmehr ein stilles Dokument einer Planung, die zu groß gedacht, zu früh aufgegeben und später nie mehr erklärt wurde. Für mich schließt sich damit ein Kreis: Eine kindliche Irritation erhält Jahrzehnte später eine historische Einordnung. Und vielleicht liegt genau darin ein produktiver Blick auf Stadtgeschichte – nicht nur auf das, was entstanden ist, sondern auch auf das, was vorgesehen war und dann verschwand.

Quellenangaben

  • Apple. Apple Karten. Karte des angegebenen Gebiets, https://maps.apple/p/HF19C_QMcgw-D2. Aufgerufen am 8. Feb. 2026.
  • Carstens, Björn. „Altländer Viertel: Zu unsicher für neue Schule / Umfrage.“ Kreiszeitung Wochenblatt, 2. Mai 2017, www.kreiszeitung-wochenblatt.de/stade/c-politik/altlaender-viertel-zu-unsicher-fuer-neue-schule-umfrage_a92557. Zugriff am 8. Feb. 2026.
  • Koch, Lars. „Stades Sündenfall“. Hamburger Abendblatt, 2. Sept. 2010, https://www.abendblatt.de/region/stade/article107846878/Stades-Suendenfall.html.
  • Landkreis Stade. Bebauungsplan Nr. 256/2 für das Gebiet zwischen dem Hinterdeich, der Eisenbahnstrecke Stade–Hamburg, dem Grabenweg, der Salztorscontrescarpe und der Altländer Straße. Rechtskräftig seit 27. Nov. 1969, Landkreis Stade, Niedersachsen.
  • Landkreis Stade. Bebauungsplan Nr. 256/2a für das Gebiet zwischen Hinterdeich, Eisenbahnstrecke Stade–Hamburg, Grabenweg, Salztorscontrescarpe und Altländer Straße. Rechtskräftig seit 5. Juni 1973, Landkreis Stade, Niedersachsen.
  • Landkreis Stade. Bebauungsplan Nr. 256/2a, 3. Änderung für das Gebiet zwischen Hinterdeich, Eisenbahnstrecke Stade–Hamburg, Grabenweg, Salztorscontrescarpe und Altländer Straße. Rechtskräftig seit 21. Nov. 1985, Landkreis Stade, Niedersachsen.
  • Lepik, Andres, und Hilde Strobl, Hrsg. Die Neue Heimat (1950–1982): Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten. Deutscher Kunstverlag, 2015.
  • Lohmann, Hartmut. Der Landkreis Stade in der Zeit des Nationalsozialismus: »Hier war doch alles nicht so schlimm«. 2. Aufl., Landkreis Stade, 1991. Beiträge des Landkreises Stade zu regionalen Themen, Bd. 8.
  • Rosbach, Jens P. „Strohmänner, Scharlatane und Spekulanten“. Deutschlandfunk, 8. Feb. 2007, https://www.deutschlandfunk.de/strohmaenner-scharlatane-und-spekulanten-100.html.
  • Strüning, Lars. „50 Jahre: Die Geschichte des Stader AKW“. Stader Tageblatt, 22. Apr. 2022, https://www.tageblatt.de/Nachrichten/50-Jahre-Die-Geschichte-des-Stader-AKW-136194.html.